Pillenhaufen Gehirndoping - Cognitive Enhancement - Neuroenhancement

Eine Informationsseite von Stephan Schleim, PhD, M.A.

Inhaltsübersicht
Eine Auswahl meiner eigenen Texte
Die am häufigsten gestellten Fragen
Meine Vorschläge und Forderungen
Interviews in den Medien
Texte anderer Autoren
Impressum

Eine Auswahl meiner eigenen Texte
Sie suchen... Dann empfehle ich Ihnen...
Fakten zur Wirkungsweise sowie Verbreitung der Substanzen... Welche Studien gibt es? Was sind die Ergebisse? Schleim, S. & Walter, H. (2007). Cognitive Enhancement - Fakten und Mythen. Nervenheilkunde 26, S. 83-87. PDF
Überlegung zur Ethik des Enhancements in einer populären Darstellung... Was spricht dagegen? Neu erschienen: Schleim, S. (2010). Cognitive Enhancement - Sechs Gründe dagegen. In: H. Fink u. R. Rosenzweig (Hrsg), Künstliche Sinne, gedoptes Gehirn, S. 179-207.

Schleim, S. (2008). Fünf Gründe gegen Cognitive Enhancement. Telepolis. Teil 1, Teil 2
Gedanken zur Idee der Bewusstseinserweiterung... Schleim, S. (2006). Cognitive Enhancement, Psychopharmakologie und Bewußtseinserweiterung. Parapluie. Text
Einen Text für Schüler... Schleim, S. (2006). Gedopt ins Abitur? Science Garden. Text
Einen kritischen Bericht über die Darstellung in den Medien... Meine erste und vor allem meine zweite Medienschelte aus meinem Blog. Dort finden sich unter dem Stichwort "Cognitive Enhancement" auch weitere Beiträge. Von meinen jüngsten Erfahrungen berichte ich hier.
Blog-Gewitter zum Neuro-Enhancement

Eine Reihe unterschiedlicher Stellungnahmen zum Thema "Neuro-Enhancement" finden Sie auf den Seiten der SciLogs.


Weitere Texte sind in Arbeit

Die am häufigsten gestellten Fragen in Kürze beantwortet
Frage Antwort
Was meint man eigentlich mit Cognitive Enhancement? Es handelt sich hierbei um einen Fachbegriff, der sich im englischsprachigen Diskurs eingebürgert hat. Wörtlich übersetzt würde man von einer kognitiven (geistigen) Verbesserung sprechen. Die Verbesserung wird dabei meist von einer Therapie abgegrenzt, die es zum Ziel hat, ein normales Maß wiederherzustellen. Es ist allerdings nicht endgültig geklärt, wie sich eine solche Trennung zwischen Verbesserung und Therapie sinnvoll ziehen lässt. Es wurde außerdem kritisiert, mit "Verbesserung" würde man schon eine positive Wertung nahelegen. Das Gegenteil wird mit dem Begriff des "Mind Dopings" suggeriert. Neutral könnte man wohl von einer Intervention zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit sprechen. Als Mittel sind bisher vor allem Drogen und Psychopharmaka im Gespräch.
Wie stark ist Cognitive Enhancement schon heutzutage verbreitet? Díe genauen Zahlen sind schwer abzuschätzen. Erstens ist die Datenlage eher dürftig, vor allem für den deutschsprachigen Bereich. Es gibt zwar ein paar gute Studien aus den USA, doch lässt sich keine von ihnen leicht verstehen. Beispielsweise untersuchte eine 2005 veröffentlichte Studie von McCabe und Kollegen die Verbreitung von Stimulanzien, die an US-Colleges aus nicht-medizinischen Gründen genommen wurden. Die Zahlen sind deshalb begrenzt interpretierbar, da die Stimulanzien einerseits auch aus anderen Gründen genommen werden, beispielsweise zum Erleben eins Rauschzustands oder zum Zügeln des Appetits. Andererseits dürften manche Studierende sich über den Umweg einer diagnostizierten Aufmerksamkeitsstörung Zugang zu den Mitteln verschafft haben, sodass ihr Konsum medizinisch wäre, obwohl sie sich davon in Wirklichkeit eine Leistungssteigerung versprechen. Allgemein lässt sich aber sagen, dass die Verbreitung in den Medien meist übertrieben oder sogar offenkundig falsch dargestellt wird und (bisher) weniger als zehn Prozent der Studierenden in den USA die Substanzen nutzen dürften - und vor allem nicht regelmäßig.
Welche Substanzen sind bisher im Gespräch und wie wirken sie?
Als beste Kandidaten werden meist die Wirkstoffe Amphetamin, Methylphenidat und Modafinil genannt. Die ersten beiden sind auf ärztliche Verschreibung erhältlich und unterliegen dem Betäubungsmittelgesetz, da sie ein erhebliches Missbrauchspotenzial besitzen. Die dritte kann zur Behandlung bestimmter Schlafstörungen verschrieben werden. In pharmakologischen Studien wurde mehrmals eine Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit beobachtet, wenn Versuchspersonen eine dieser Substanzen erhielten. Allerdings gibt es auch andere Studien, in denen keine Verbesserung auftrat oder sogar eine Verschlechterung messbar war. Besonders brisant ist, dass durch die Mittel auch der Gefühlszustand oder die Selbsteinschätzung beeinflusst werden kann. So hielten sich die Versuchspersonen in einer Studie mit Methylphenidat zwar für besser, waren es in Wirklichkeit aber nicht. Da unser Wissen um die Neurotransmittersysteme des Gehirns unvollständig ist und Psychopharmaka darin auf komplizierte Weise eingreifen, sind ihre Wirkungen nicht genau verstanden. Selbst für Amphetamin, das seit mehr als 100 Jahren pharmakologisch erforscht wird, entstehen ständig neue Forschungsfragen.
Wie Aussagekräftig sind Laborexperimente?
Die verwendeten Testbatterien sind meist darauf geeicht, krankhafte Veränderungen in der geistigen Leistungsfähigkeit festzustellen. Das heißt, die angewandten Konstrukte sind für den klinischen Alltag entwickelt, um anhand von Normabweichungen Diagnosen zu unterstützen. Es ist bisher völlig unklar, inwiefern sich diese Ergebnisse in den Alltag übertragen lassen. Auch wenn jemand dank Pharmakologie in einer Art Memory-Spiel besser abschneidet oder sich mehr Zahlen in einer Reihe merken kann, wird er deshalb nicht gleich bessere Leistung in einer Klausur erbringen können. Schlimmstenfalls kann sich die Leistung sogar verschlechtern, wenn die Stimulanzien beispielsweise die Impulsivität erhöhen und man deshalb Fragen voreilig beantwortet und deshalb einen falschen Lösungsweg wählt.
Welche Nebenwirkungen sind zu befürchten? Je nach Substanz und Dosis können hier unterschiedliche Probleme auftreten. Jedenfalls ist ein genaues Lesen der Packungsbeilage zu empfehlen; diese Möglichkeit haben natürlich nicht diejenigen Leute, die sich die Substanzen illegal beschaffen. Man kann sich aber auch im Internet, vor allem im englischsprachigen Raum, über die Nebenwirkungen informieren. Beispielsweise stellt die oberste Gesundheitsbehörde der USA, die FDA, aktuelle Medikamenteninformationen ins Netz. Die amerikanischen Handelsnamen für die oben genannten Substanzen sind Adderal ®, Ritalin ® und Provigil ®. Als Nebenwirkungen werden immer wieder Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Nervosität, eingeschränktes Sehen und Magen-Darm-Probleme genannt. In ernsteren Fällen kann es zu Störungen des Herzkreislaufsystems, Schlaganfällen sowie schweren psychischen Störungen kommen. Höchste Vorsicht ist insbesondere bei Menschen angesagt, die bereits körperliche oder psychische Erkrankungen haben. Eine Einnahme dieser Substanzen, insbesondere von Amphetamin und Methylphenidat, kann dann lebensgefährlich sein. Vor allem aber fehlen belastbare Daten zu den physischen und psychischen Langzweitwirkungen des regelmäßigen Konsums.
Was ist falsch am Cognitive Enhancement? Ein Fehler besteht meines Erachtens darin, die geistige Leistungsfähigkeit überzubewerten. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass ein größeres Maß an kognitiver Leistungsfähigkeit keinen größeren Erfolg oder kein größeres Glück garantiert. Wer sie überbewertet, wird auch auf dem verbesserten Niveau wieder vor der Frage stehen, ob er sich nicht noch weiter verbessern müsse. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Beschaffung der Substanzen an den gesellschaftlichen Regeln vorbei eine Form der Selbstjustiz darstellt, die eine allgemeine Zulassung des Enhancements vorwegnimmt. Damit verhalten sich die Konsumenten ihren Konkurrenten gegenüber, die sich an die Regeln halten, unfair. Am schlimmsten finde ich hierbei aber, dass die wissenschaftlichen Daten die Wirkungsweise nicht eindeutig belegen und bestehende Risiken über das Gesundheits- und Pflegesystem der Gesellschaft aufgebürdet werden. Schließlich widerlegt sich die Idee des Enhancements von selbst, wenn man sie in großem Maßstab durchspielt: Die geistige Leistungsfähigkeit wird in Konkurrenzsituationen immer relativ zur Leistung der anderen bewertet. Das heißt, es sind nur zwei Alternativen möglich. Entweder machen alle davon gebrauch, dann profitieren (absolut) alle und im (relativen) Vergleich ändert sich nichts. In diesem Fall blieben nur die gesundheitlichen und finanziellen Kosten. Oder es macht nur ein Teil davon gebrauch. Dann würden sich die Erfolgschancen verschieben; wer die Mittel nimmt, verschafft sich einen Vorteil, für den die anderen einen Wettbewerbspreis bezahlen. Wird der Zugang über den Preis reguliert, dann führt das Cognitive Enhancement zu einer ungerechteren Verteilung der Chancen in Schulen und der intellektuellen Arbeitswelt. Das würde sozialen Unfrieden heraufbeschwören.

Meine Vorschläge und Forderungen
Erstens ist eine korrekte Aufklärung über die Wirkung, Nebenwirkung und Verbreitung der Substanzen notwendig. Weder hat die bisherige Forschungsliteratur noch die Medien diese Aufgabe korrekt erfüllt.
Zweitens wünsche ich mir eine Thematisierung des Leistungsdrucks in der Gesellschaft. In der Finanzkrise sehe ich eine Chance, die Reduktion des Menschen auf seine ökonomisch verwertbaren Eigenschaften zu überdenken. Hier würde ich mir alternative Lebensvorschläge aus den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie der Philosophie wünschen.
Drittens sollten die Institutionen, an denen geistige Leistungsfähigkeit eine herausragende Rolle spielt, einen expliziten ethischen Standard über die Bedingungen des fairen Wettbewerbs verabschieden, wie es im Sport schon lange der Fall ist.
Viertens halte ich es für einen generell gefährlichen Trend, die Lösung für soziale Probleme in pharmakologischen Mitteln zu suchen. Gesellschaftliche Probleme beinhalten gerade die Chance zu gesellschaftlichen Verbesserungen. Das Problem in seinem eigenen Gehirn zu verorten, verkennt den Handlungs- und Entscheidungspielraum, den wir aufgrund unserer natürlichen Fähigkeiten haben. Den gesellschaftlichen Zwängen zu immer mehr Leistung kann also auch durch die individuelle Autonomie begegnet werden.

Interviews mit mir in den Medien (Auswahl)
13.10.2009 "Gehirndoping ist ein Spiel mit dem Feuer", Interview v. Lea Wolz auf Stern Online und Financial Times Deutschland.de.
18.07.2009
Video-Interview mit Stephan Schleim

Stephan Schleim im Interview mit Arvid Leyh, Autor des braincast. In Teil 1 geht es vor allem um die Pharmakologie und Wirkung der Substanzen, in Teil 2 eher um die ethischen und gesellschaftlichen Fragen.
13.06.2009 Zweistündiges Gespräch über Doping am Arbeitsplatz im Deutschlandradio Kultur, online verfügbar als MP3 sind hier die erste und die zweite Stunde
15.04.2009 Interview über Gehirndoping an Universitäten, abrufbar über Deutsche Welle
02.02.2009 Interview über Risiken und Wirkung der Substanzen, abrufbar über SWR2 Impuls
01.11.2008 Mit Ritalin durch die Prüfung, v. Anna Loll, verfügbar auf FAZ.net
18.09.2008 Pillen für den Geist? v. Martin Hubert, SWR2 stellt das Manuskript der Sendung zum Download (RTF) zur Verfügung
11.10.2007 Vor der Klausur zur Urinprobe, v. Alexandra Busse, verfügbar auf ZEIT Online

Texte anderer Autoren (Stand 2006)
Neuroethik allgemein
Farah, M. (2005) Neuroethics: the practical and the philosophical. TRENDS in Cognitive Sciences 9: 34-40.
Illes, J. (2002) Neuroethics: An emerging new discipline in the study of brain and cognition. Brain and Cognition 50: 341-344.
Illes, J., ed. (2005) Neuroethics: Defining the Issues in Theory, Practice, and Policy. Oxford University Press.
Roskies, A. (2002) Neuroethics for the New Millenium. Neuron 35: 21-23.
Ethik des Cognitive Enhancement
Chatterjee, A. (2004) Cosmetic neurology: The controversy over enhancing movement, mentation, and mood. Neurology 63: 968-974.
Farah, M., Illes, J. et al. (2004) Neurocognitive enhancement: what can we do and what should we do? Nature Reviews Neuroscience 5: 421-425.
Flower, R. (2004) Lifestyle drugs: pharmacology and the social agenda. TRENDS in Pharmacological Sciences 25:182-185.
Turner, D.C. & Sahakian, B.J. (2006) Neuroethics of Cognitive Enhancement. BioSocieties 1: 113-123.
Beyond Therapy: Biotechnology and the Pursuit of Happiness. Web
Better Humans? The politics of human enhancement and life extension. Web


Aktuellere Quellen finden Sie im Artikel aus Nervenheilkunde (PDF)


Foto: © Harry Hautumm (El-Fisto) / PIXELIO

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